Grundlagen

Notched Music & TMNMT: Was gefilterte Musik bei Tinnitus wirklich kann

Notched Music ist Musik, aus der genau deine persönliche Tinnitus-Frequenz herausgefiltert wurde. Die Idee dahinter – Tailor-Made Notched Music Training (TMNMT) – wurde an der Universität Münster entwickelt: Das Gehirn soll den überaktiven Frequenzbereich nach und nach entlasten. Die Studienlage ist vielversprechend, aber nicht eindeutig. Dieser Beitrag erklärt ehrlich, was dahintersteckt.

Was ist Notched Music?

Notched Music (deutsch etwa „gekerbte Musik“) ist normale Musik, bei der ein schmales Frequenzband rund um die eigene Tinnitus-Frequenz herausgefiltert – also „herausgekerbt“ – wird. Der Begriff Tailor-Made Notched Music Training betont das Entscheidende: Der Filter wird individuell auf den Ton zugeschnitten, den du hörst. Was bleibt, ist Musik, die fast unverändert klingt – nur der Bereich deines Tinnitus fehlt.

Wichtig zur Abgrenzung: Notched Music ist kein Maskierer. Es geht nicht darum, den Tinnitus mit Rauschen zu übertönen, sondern im Gegenteil darum, einen bestimmten Frequenzbereich wegzulassen.

Wie soll Notched Music wirken?

Die Arbeitshypothese stammt aus der Hörforschung und heißt laterale Hemmung. Stark vereinfacht: Hörst du Musik, aus der dein Tinnitus-Bereich fehlt, werden die benachbarten Nervenzellen angeregt. Diese Nachbarn „dämpfen“ ihrerseits die überaktiven Zellen, die für den Tinnitus-Ton verantwortlich gemacht werden. Über viele Stunden regelmäßigen Hörens soll das die wahrgenommene Lautheit des Tinnitus verringern.

Was sagt die Forschung wirklich?

Hier ist Ehrlichkeit wichtiger als Werbung. Die Grundlagenstudie von Okamoto und Kollegen (2010, PNAS) zeigte an einer kleinen Gruppe: Wer ein Jahr lang individuell genotchte Musik hörte, berichtete eine geringere wahrgenommene Tinnitus-Lautheit als Vergleichsgruppen. Das war der Startpunkt und der Grund, warum das Prinzip so viel Aufmerksamkeit bekam.

Spätere, größere Auswertungen sind zurückhaltender. Eine systematische Übersicht und Meta-Analyse von 2024 (European Archives of Oto-Rhino-Laryngology) fasste sieben klinische Studien zusammen: Beim standardisierten Belastungsfragebogen (Tinnitus Handicap Inventory) fand sich nach 3 und 6 Monaten kein statistisch signifikanter Effekt – allerdings große Effektstärken, und vier von fünf Studien mit einer direkten Lautheits-Skala berichteten positive Veränderungen. Eine Meta-Analyse von 2025 ergänzte: Notched Music schnitt nicht eindeutig besser ab als gewöhnliche Musiktherapie.

Für wen kommt Notched Music infrage?

Notched Music passt am besten zu tonalem Tinnitus: einem Ton, dessen Frequenz sich einigermaßen bestimmen lässt – ein Pfeifen oder Piepen, kein Rauschen und kein Pulsieren. Genau diese Frequenz braucht der Filter als Angriffspunkt. Wie du sie findest, erklärt der Beitrag Tinnitus-Frequenz bestimmen.

  • Gut geeignet: tonaler, stabiler Tinnitus mit bestimmbarer Frequenz, idealerweise unter etwa 8 kHz (dort ist die Studienlage am belastbarsten).
  • Weniger geeignet: rauschartiger oder pulsierender Tinnitus, sehr hohe Frequenzen, oder wenn du ohnehin kaum Musik hörst.
  • Erst zum Arzt: bei neuem, plötzlichem, einseitigem oder pulsierendem Tinnitus – das gehört zuerst ärztlich abgeklärt.

Notched Music, Masker oder Verhaltenstherapie?

Es gibt nicht „den einen“ richtigen Weg – die Ansätze verfolgen unterschiedliche Ziele. Dieser Überblick hilft beim Einordnen:

AnsatzIdeeWomit du hörstWann sinnvoll
Notched Music (TMNMT)Tinnitus-Frequenz aus der Musik herausfilternEchte Musik, individuell gefiltertTonaler, bestimmbarer Tinnitus; aktiver Selbsthilfe-Ansatz
Masker / RauschenTinnitus mit Geräuschen überdeckenWeißes/rosa Rauschen, NaturklängeKurzfristige Erleichterung, z. B. zum Einschlafen
Verhaltenstherapie (z. B. DiGA)Umgang & Bewertung des Tinnitus verändernÜbungen, PsychoedukationHoher Leidensdruck, Stress, Schlafprobleme
Vereinfachter Überblick – keine medizinische Empfehlung.

Mehr dazu, was Musik leisten kann (und was nicht), liest du in Musik gegen Tinnitus.

Wie nutzt man Notched Music heute praktisch?

Lange war genau das die Hürde. Frühere Lösungen wie Tinnitracks verlangten, dass man eigene MP3-Dateien besorgt, prüfen lässt und hochlädt – im Streaming-Zeitalter ein echtes Alltagsproblem. Das Prinzip war gut, die Bedienung mühsam.

Genau hier setzt Tinnibuddy an: Du bestimmst deine Frequenz, und der Notch-Filter läuft live über echte Alltagsmusik – aus verfügbaren Musikquellen, eigenen Dateien oder sogar deinem Computer-Audio. Den Unterschied zwischen Original und gefilterter Version hörst du im A/B-Vergleich in unter drei Minuten.

Häufige Fragen

Heilt Notched Music Tinnitus?

Nein. Notched Music ist keine Heilung und kein Medizinprodukt. Das zugrunde liegende Prinzip (TMNMT) ist wissenschaftlich untersucht und gilt als vielversprechend, ist aber nicht abschließend belegt. Es kann ärztliche Diagnose und Behandlung nicht ersetzen.

Wie lange muss man Notched Music hören?

In Studien wurde meist über mehrere Monate täglich rund ein bis zwei Stunden gehört. Entscheidend ist Regelmäßigkeit. Weil es sich um deine eigene Musik handelt, lässt sich das leichter in den Alltag einbauen als künstliche Therapietöne.

Ist Notched Music dasselbe wie ein Masker?

Nein – im Gegenteil. Ein Masker überdeckt den Tinnitus mit zusätzlichem Geräusch. Notched Music lässt stattdessen genau deinen Frequenzbereich aus der Musik weg, um die Überaktivität dort gezielt zu beruhigen.

Funktioniert Notched Music bei sehr hohen Frequenzen?

Die belastbarste Evidenz liegt für Frequenzen bis etwa 8 kHz vor. Bei sehr hohem Tinnitus ist der erwartbare Effekt unsicherer. Ehrliches Erwartungsmanagement gehört für uns dazu – probiere den kostenlosen A/B-Vergleich und entscheide selbst.

Quellen

  1. Okamoto, Stracke, Stoll & Pantev (2010), PNAS: Listening to tailor-made notched music reduces tinnitus loudness
  2. Pantev, Okamoto & Teismann (2012), Frontiers in Systems Neuroscience: Music-induced cortical plasticity and lateral inhibition
  3. Systematic review & meta-analysis of TMNMT efficacy (2024), European Archives of Oto-Rhino-Laryngology (PubMed 38847844)
Tinnibuddy

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